Dr. Thomas Szekeres

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Verkehrte Welt?

Gesundheit radikal umdenken?

Gesundheit radikal umdenken war ein Themenschwerpunkt beim jüngsten ersten Österreichischen Gesundheitsgipfel. Mit einem Satz: Wir gehen vom gesunden Menschen aus und tun alles, um dessen Gesundheit und vor allem Wohlbefinden so gut wie möglich zu erhalten und auszubauen.

 

Wir reden nicht mehr von Krankenkassen, sondern von Gesundheitskassen. Prävention, Kuration, Gesundheitsbegleitung und -coaching. Das alles klingt gut, ist wahrscheinlich richtig, die Realität aber sieht anders aus.

Statt in Prävention zu investieren, wird bei den Gesundheitsausgaben gespart. Gesundheit scheint insgesamt das einzige Ressort zu sein, bei dem bislang noch jede Regierung einsparen wollte.

Bis hin zur Unsinnigkeit, Gesundheitsausgaben an das BIP zu koppeln. Da wir heuer wahrscheinlich ein herausragendes Wirtschaftswachstum erzielen, hieße das: Hurra, wir können mehr ausgeben.

Gesundheit und Krankheit gehorchen nicht den ökonomischen Kennzahlen. Sie haben aber indirekt sehr wohl mit Ökonomie zu tun: Arm macht krank, Bildungsferne macht sprachlos und erschwert die Diagnose und Behandlung. Paternalismus macht unmündig. Ein gesunder Mensch aber sollte ein mündiger Mensch sein. Davon muss Gesundheitsversorgung grundsätzlich ausgehen. Geht sie aber nicht.

Gesundheitspolitik hat viel mit Geduld und Irrationalität zu tun. Was nützen die besten Lenkungsprogramme, wenn Menschen vor allem in der Stadt automatisch ans Spital denken, wenn ihnen irgendetwas fehlt. Statistiken aus Wien haben ergeben, dass Patienten auch dann in die Spitalsambulanz gehen, wenn genügend viele niedergelassene Praxen offen hätten. Es ist eine mentale Frage, bei der Überzeugungsarbeit und Kommunikation betrieben werden müssen. Gesundheitspolitik mit Verantwortung ist Aufklärungspolitik.

Zwei Aspekte erscheinen wesentlich, die auch der deutsche Mediziner Prof. Dietrich Grönemeyer akzentuierte: Zeit für das Gespräch zwischen Arzt und Patient und rationales Nutzen der technologischen und digitalen Erkenntnisse und Angebote.

Zeit ist kostbar. Ökonomen hassen scheinbare Zeitverschwendung, weil sie ausschließlich in Effizienzkategorien denken. Nicht aber in Qualität und Effektivität. Das aber sind die einzigen Parameter für Gesundheitsversorgung. Sie entziehen sich ökonomischen Rationalisierungsprogrammen. Oder sie verkommen, wie man in zahlreichen, selbst EU-Ländern beobachten kann.

Wir haben gerade jetzt, da die gesundheitspolitischen Herausforderungen so hoch wie noch nie sind, da wir sowohl Bevölkerungswachstum als auch Überalterung und dementsprechenden Pflegebedarf haben, die Chance, die Gesundheitsversorgung auszubauen. Und das Denken radikal zu ändern.

Unser System ist gut, es bedarf lediglich einiger Anstöße und Ausweitungen: Eben einer integrativen Gesundheitsphilosophie.

Und das bedeutet zunächst: Den Schalter im Kopf umlegen.

Alles andere lässt sich dann lösen.


ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.


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