Dr. Thomas Szekeres

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Datenforschung überholt Pharma

Bis vor wenigen Jahren noch zählte die Pharmaindustrie zu den forschungsintensivsten Branchen. Heute schaut alles anders aus: Das meiste Geld für Forschung und Entwicklung geben Amazon, Google, Apple sowie die IT-Industrie aus. Auto, Pharma und Energie sind deutlich abgeschlagen.

 

Das ist mehr als nur Zeichen von Modernität. Es ist ein Alarmsignal. Die Datenwirtschaft monopolisiert alles. Vor allem das Wissen und die Steuerung des Konsumenten. Wearables und andere Enabler nehmen uns nicht nur einen großen Teil von alltäglichen Arbeiten und Erledigungen ab, sie ändern, ohne dass wir es recht bemerken, unser Verhalten und kontrollieren uns.

In Zukunft wird Big Data die gesamte Gesundheitswirtschaft versorgen. Schon heute bieten Apple, Google und Amazon Health-Services an. Jeder Fußballschuh, jede Smartwatch und jede Sportjacke ist Datenempfänger und -sender und übermittelt alles an eine riesige Datenbank mit Millionen intelligenter Algorithmen, die mittlerweile selbstlernend sind und immer neue Vernetzungen und Erkenntnisse schaffen.

Apple kennt vieles von uns: Kreislauf, Herzrhythmus, Konsum von nicht rezeptpflichtigen Medikamenten, Absolvierung von Fitnesskursen, Reaktionen bei Gefahr oder Panik. Apple Health listet alle Tätigkeiten, die wir auch noch freiwillig stolz übermitteln und messen lassen.

Man weiß, wie viel wir trinken, welche Speisen wir zu uns nehmen, in welchen Restaurants wir verkehren, welche Arztordinationen wir aufsuchen, wie viel Geld wir in Apotheken ausgeben, für Fitnesshotels oder Zigaretten.
Diese Daten werden laufend mit anderen verknüpft. Daten, die das Auto liefert oder der Kühlschrank, die Kommunikation in sozialen Medien – auch wenn es bestritten wird.

Und die großen Datensammler haben durchaus Zugang zu Forschungsdatenbanken – oder beliefern sie. Gegen Bezahlung.
Dagegen nimmt sich ein System wie ELGA – so wie es geplant ist – wie ein Amateurplanspiel aus. „Gemma a bissl Patientendaten sammeln und Befunde hin- und herschicken.“

Robotikindustrie – vom Pflegeroboter bis zum intelligenten Nachthemd – und Robotikmedizin sind im Vormarsch. Das ist durchaus erfreulich. Schließlich werden schwierige manuelle Tätigkeiten überflüssig oder zum Großteil ersetzbar.

Die Nutritionindustrie (so benennen sich ehemalige Nahrungsmittelkonzerne wie Nestle & Co) kann mittels Datenbanken individualisierte Nahrung herstellen. Der Traum vom individualisierten Medikament ist zwar noch fern, aber es gibt immer mehr Ansätze. Mit CRISPR Cas9 lassen sich zudem langwierige Forschungsprozesse und Trial- and Error-Methoden rasant verkürzen. Und andere Dinge auch, die derzeit noch verboten sind.
Die Frage wird sein, wie rasch sich eine Zivilgesellschaft die notwendige Macht und Gesetzgebung sichert, um die Monopolisten des Wissens zu regulieren.

Sonst wissen in Zukunft Krankenkassen mehr über das Individuum als jeder Arzt und kürzen Leistungen oder erhöhen Prämien oder kündigen Verträge. Und Data-Konzerne wissen mehr über die Gesundheit/Krankheit des Individuums als jeder Arzt und jedes Krankenhaus.
Pharmaindustrie wird vielleicht nur mehr erforschen, was sich lohnt oder Märkte verknappen.

Gewiss: Ohne digitale Hilfsmittel und Kommunikationssysteme wäre Medizin heute weder vorstellbar noch effizient.

Die Schattenseiten aber sind: der total transparente und damit total kontrollierte Mensch. Ende der Freiheit der Wissenschaften.

Die Zwei-Klassen-Medizin schleicht sich anders ein, als wir glauben. Und Staaten schauen ohnmächtig zu, weil ihre Gesetzeslage nicht ausreicht.
Die Regierungen – und insbesondere die neue österreichische – sind aufgerufen, in Daten- und IT-Wissen zu investieren: bei Schülern, Lehrern kritisches Denken zu entwickeln. I-Pads oder Tabletts herzuschenken ist zu wenig und der falsche Weg.

Zu wissen, wie Daten entstehen und verknüpft werden, heißt das Ziel.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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