Dr. Thomas Szekeres

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Wenn Ärzte auf die Barrikaden gehen…

…stimmt etwas im Gesundheitssystem nicht.

In Polen sind junge Fachärzte in Hungerstreik getreten – aus Protest gegen die niedrige Bezahlung und die langen Dienstzeiten. „Wer die Ärzte nicht wertschätzt, schätzt auch die Patienten nicht wert“, argumentieren sie. Polens Medien, die die Ärzte anfangs unterstützten, mussten auf Regierungsweisung diese Linie aufgeben. So ist das in Staaten mit autoritären Regierungen.

 

Die Situationen in Ungarn, in der Slowakei oder in Bulgarien und Rumänien ist nicht anders – überall steht das Gesundheitssystem vor dem Aus. Ärzte wandern in großen Zahlen ab – einige auch nach Österreich, die meisten in englischsprechende Länder oder nach Deutschland, wo es akuten Ärztemangel gibt.

Ärztemigration in Europa – ein Phänomen, das nicht jung ist und ein Zeichen dafür, dass Gesundheitsversorgung zu einem „freien Markt“ geworden ist, der auf Angebot und Nachfrage ausgerichtet ist.

Österreichs Mediziner zieht es nach Deutschland, in die Schweiz oder – wahrscheinlich nicht mehr lange – nach Großbritannien. Die forschungsinteressierten Studenten werden schon vor dem Studienende von internationalen Pharmakonzernen oder Forschungsgesellschaften abgeworben und verlassen das Land: Brain-Drain nennt man das.

Migration bedeutet immer kulturelle Konflikte: Nicht in jedem Land sind die Ausbildungsqualität und das System gleich gut. Es gibt sprachliche Barrieren und wohl auch Unterschiede in der Beherrschung der medizintechnischen Einrichtungen und andere Diagnosekulturen. Die Privatisierung großer Kliniken – vor allem in Deutschland – tuen ein Übriges : Sie rekrutieren, auch aus kalkulatorischen Gründen, ihr Personal signifikant oft in den EU-Neustaaten in Zentral- und Osteuropa. Dass sie nicht besonders gut zahlen, ist bekannt.

Das Fatale daran ist: Das staatliche Gesundheitssystem wird immer stärker ausgehöhlt. Wie in Polen, in der Slowakei, in Ungarn und Tschechien, nicht zu reden von Rumänien, Bulgarien, Kroatien – und leider auch Griechenland, wo die Wirtschaftskrise immer noch massiv ist.

Die Pharmaindustrie agiert ebenfalls marktorientiert: In bestimmten Ländern gibt es gewisse Medikamente gar nicht mehr – Lieferengpässe heißt es offiziell. Und viele Apotheken werden erst beliefert, wenn sie vorab bezahlen. Dasselbe gilt für Patienten. So entstehen Schwarzmärkte und semilegale Internethändler.

Im Vergleich dazu ist Österreich – noch – ein Paradies. Aber die Zustände haben sich in den vergangenen Jahren verschlechtert: Personalmangel, auch bedingt durch Abwanderung, finanziell angeschlagene Krankenkassen, überlastetes Pflegepersonal, das teilweise auch überaltet ist, bedrohlicher Hausärztemangel am Land und beginnende Kontingentierung in der reparativen Medizin.

Wir sollten es nicht zulassen, dass Ärzte bei uns auf die Barrikaden gehen müssen oder gar in Hungerstreik treten. Das sollte auch der nächsten Bundesregierung klar sein. Eine schleichende Aufweichung des Sozialsystems wäre fatal. Im Gesundheitsbereich zu sparen wäre ein schlechtes Signal. Dann klar ist: Gesundheit wird teurer, allein wegen der demographischen Entwicklung, der Altersgesellschaft und – gottseidank – kraft der Weiterentwicklung der Medizin und der technischen Möglichkeiten. Von diesem Fortschritt sollten alle etwas haben.

Die Zustände in manchen EU-Ländern sollten uns eine Warnung sein – sie tragen dazu bei, dass eine Gesellschaft entsolidarisiert wird. Die Mehrklassenmedizin ist eine logische Folge davon.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

 

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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