Dr. Thomas Szekeres

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Die Fakten der Statistik …

 

… und die Lücken des Gesundheitssystems

Eine empirisch-wissenschaftlich  fundierte  Grazer Studie hat herausgefunden, dass am Wochenende signifikant mehr Patienten auf Intensivstationen sterben als unter der Woche. Es wäre zu einfach, die Gründe allein darin zu sehen, dass die Krankenhäuser an Wochenenden weniger Personal einsetzen und gewissermaßen Wochenendbetrieb herrscht.

Vor allem aber muss angemerkt werden, dass in den vergangenen Jahren die Sterblichkeitsrate in Intensivstationen um 30 Prozent gesunken ist. Medizinischer Fortschritt ist unbestritten. Jede Statistik muss komplex gesehen und interpretiert werden. Und generell gilt: Die meisten Menschen profitieren von der ständigen Weiterentwicklung der Medizin.

Es gibt auch andere Erklärungsmöglichkeiten: Fälle, die an Wochenenden eingeliefert werden, werden oft zu spät eingeliefert. An Wochenenden sind Menschen – Freizeitstress – krankheitsanfälliger als unter der Woche. Zudem wartet man des Öfteren zu lange, bis man sich für einen Anruf bei der Rettung entscheidet.

Statistik hat ihre Tücken. Aber nicht zu leugnen ist, dass Personalknappheit an den Spitälern herrscht, ärztliches und pflegerisches Personal ausgepowert, Abteilungen unterbesetzt sind.

Das ist ein Faktum, dass sich seit dem neuen Arbeitszeitgesetz noch verschärft hat. Mit dazu kommt, dass sich die krankheitsbedingten Ausfälle sowohl bei Ärzten als auch Pflegern erhöht haben, dass Burn-Out-Raten steigen und der gesamte Apparat heillos überlastet ist, insbesondere in den großstädtischen Kliniken, deren Ambulanzen gerade am Wochenende überdurchschnittlich hoch frequentiert sind. Auch das bindet Personal, das man in anderen Abteilungen dringend benötigen würde.

Die Versorgungsdichte im niedergelassenen Bereich ist an Wochenenden gering: Das liegt auch daran, dass die Krankenkassen sparen, Gruppenpraxen nur zögerlich zugelassen werden und die Honorare so niedrig sind, dass sich die Öffnung von Ordinationen an Tagesrandzeiten sowie Wochenenden nicht rechnet: abgesehen vom strukturellen Mangel an Ärzten gerade im allgemeinmedizinischen Bereich.

Jedes gute Gesundheitssystem muss redundant sein. Das heißt, es müssen stets Personalreserven vorhanden sein: Krankheiten und akute Notfälle lassen sich nicht vorausplanen.

Dass die Zahl an Notfällen an Wochenenden besonders hoch ist, hat auch sozialpolitische Gründe: Es ist der Druck der Freizeitgesellschaft, der zur Überforderung führt, es ist die Hyperaktivität, die manchen Menschen gerade an Wochenenden an den Tag legen, und es sind interfamiliäre Konflikte, die gerade an Wochenenden aufflammen.

Die Grazer Studie zeigt lediglich stellvertretend auf, wie volatil die Versorgungsqualität und -sicherheit in Österreich ist. Sie zeigt auf, was sich in Zukunft noch verschärfen wird: steigende Zahl an Krankheiten bei einer alternden Bevölkerung, dramatischer Personalmangel, zu geringe Verzahnung zwischen niedergelassenem und muralen Bereich. Und wohl auch: Mangel an Prävention und Rehabilitation. Denn viele der Notfälle resultieren daraus, dass Menschen zu früh aus den Krankenhäusern entlassen werden und es zu wenig häusliche Pflege gibt.

Es sollte ein Anlass sein, nicht nur Symptome zu bekämpfen und Fehlentwicklungen zu verharmlosen, sondern endlich ernsthaft und fundiert über eine Neuordnung der Gesundheitsversorgung zu diskutieren – mit den Ärzten.

Es ist nicht angenehm, Kassandra spielen zu müssen. Aber es ist so.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

 
Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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