Dr. Thomas Szekeres

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Die Inflation der Zuspätgekommenen

Plötzlich überbieten einander alle mit Vorschlägen, wie man den Hausarzt aufwerten könnte Vorwahl-Ethik und das Buhlen um Zuneigung der Bevölkerung? So solle es Übergangspraxen geben, was auch immer das bedeuten mag. Manche reden von virtuellen Praxen zur Unterstützung und Erstdiagnose, wieder andere wollen mit Prämien locken und mit einem Sonderstudium Landarzt.

Jahrzehnte lang hat man systematisch den Allgemeinmediziner ausgehungert: mit lächerlich geringen Honoraren, mit Drohungen die Hausapotheken wegzunehmen, dann wieder mit PHC als Wunderwuzi-Lösung. Andere meinten das Modell Hausarzt habe ausgedient, weil die Medizin zu komplex geworden sei.

Nun also das reuige Bekenntnis zum Hausarzt. Appelle. Lockmittel. Wahlgeschenke, die dann nicht eingelöst werden können? Weil es ohnehin zu spät ist?

In den kommenden fünf Jahren wird mehr als die Hälfte der Hausärzte in Pension gehen (vor allem  auf dem Land). Für viele der Praxen gibt es keine Nachfolger oder Interessenten.

Zudem sinkt die Zahl derer, die sich eine Ausbildung zum Allgemeinmediziner antun wollen.  Viele – siehe Life- und Work-Balance – wollen lieber angestellte Spitalsärzte sein, als sich selbstständig zu machen. Mit allen Risken, dem Zeitaufwand und den Einbußen in der Lebensqualität. Zudem: Die Verdienstmöglichkeiten sind gering.

Wer als Hausarzt  überleben will, benötigt genügend „Scheine“ und hat dann wieder zu wenig Zeit, sich den Patienten wirklich zu widmen. Ein Teufelskreis, solange eines nicht rasch und radikal geändert wird. Die deutliche Heraufsetzung der ärztlichen Honorarsätze. Nicht ohne Grund habe ich eine Erhöhung von 40 Prozent gefordert. Das ist nicht übertrieben viel. Es ist noch immer ein Unterschied zum Installateur, Elektriker oder Tischler da. Von Wegzeiten gar nicht zu reden.

Es hilft sachlich wenig, wenn man jetzt mit populistischen und unausgereiften Vorschlägen kommt und nicht bedenkt, wie die Faktenentwicklung ist. Ärztemangel der nicht mehr so rasch aufzuhalten ist, unbesetzte Praxen und keine Kompromissangebote an Wahlärzte.

Was rasch helfen würde wäre: Subventionierungen von Arztassistenten sowie EDV- und IT-Kosten inklusive Service und Einschulung, generelle Hausapotheken-Zusage im gesamten ländlichen Raum, enge Vernetzung mit den diversen Funkdiensten und professionelle Call-Center.

Derartige Maßnahmen ließen sich relativ rasch umsetzen. Ebenso wie bezahlte Lehrpraxen mit zusätzlichen Boni. Jetzt kommen viele drauf. Gesundheitspolitik auf dem Papier bringt nichts, in den Schubladen auch nicht. Verdrängen von Tatsachen schon gar nicht. Es müssen Taten gesetzt werden.

Und: Gesundheit kostet nun einmal Geld.
Das ist es.
Wer den Sozialstaat will, muss das zur Kenntnis nehmen.
Geld gibt es genug. Tunnelprojekte können verschoben werden.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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