Dr. Thomas Szekeres

« August 2017»
S M D M D F S
    1 2 3 4 5
6 7 8 9 10 11 12
13 14 15 16 17 18 19
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29 30 31    

Kategorien

Kranke Kassen – und wieder einmal sind die Ärzte schuld

37 Millionen Euro Defizit werden die Krankenkassen heuer schreiben. Alleine 35,6 Millionen Euro sind es bei der GGK Wien und 13,9 Millionen in Oberösterreich. In beiden Ländern ist es um die medizinische Versorgung vor Ort nicht gut bestellt. In Oberösterreich ist der Landarztmangel eklatant, nachdem man konsequent Kassenstellen abgebaut hat. In Wien fehlen hunderte Allgemeinmediziner und Fachärzte.

Begründet wird das Minus durch steigende Spitalskosten, die allerdings nur pauschal ausgewiesen sind, durch steigende Arztkosten und höhere Ausgaben für Medikamente.

Bei den Ärztekosten schlägt der Hauptverband der Sozialversicherungsträger eine Neubewertung der einzelnen Leistungen vor. Das heißt nichts Gutes. Im Gegenteil.

Werden ärztliche Honorare gekürzt, schon allein um die PHC zu finanzieren, wie es heißt? Das wäre in sich fatal. Es würden sich noch weniger Interessenten unter den Ärzten finden und man wird die PHC wohl selbst betreiben. Ob das Kosteneinsparungen und vor allem Qualitätsverbesserungen ergibt, sei hinterfragt.

Heißt das, dass die Honorare der Hausärzte nicht angehoben werden? Es sieht fast danach aus. Es wäre ein weiterer fataler Schritt zur Ausdünnung der ärztlichen Versorgung.

Man sollte nicht um den heißen Brei reden: Gesundheitskosten müssen steigen, alleine aufgrund der demographischen Situation, der deutlich gestiegenen technischen Leistungen der heutigen Medizin und aufgrund der Tatsache, dass die Behandlung von älteren Menschen teurer ist und zunehmend neue chronische Krankheiten Erwachsene und Jugendliche belasten. Das wird sich nicht ändern, solange sich das System nicht ändert.

Die Sozialversicherungen sollten sich weniger mit sich selbst beschäftigen, sondern mehr auf Transparenz achten. Pauschalisierungen führen zu einem gewissen Laissez Faire.

Bei den niedergelassenen Ärzten straft sich das System selbst. Kassenärzte sind aufgrund der niedrigen Honorare gezwungen so viele Patienten wie nur möglich durchzuschleusen, damit sie überleben können. Das wiederum verhindert, dass Hausärzte zu dem kommen, wofür sie eigentlich da sind: Zuwendung zum Patienten, Erstdiagnose und -versorgung statt Einweisung oder Überweisung.

Vielleicht sollte man auch den Mut haben, auf versicherungsfremde Leistungen hinzuweisen, welche die Budgets der Sozialversicherungen belasten? Oder die Sinnhaftigkeit hinterfragen, eigene Spitäler zu betreiben?

Die Wirtschaft zieht an, heißt es: das müsste mehr Geld für die Sozialversicherungen bedeuten. Tut es aber nicht. Denn gleichzeitig sinkt die Langzeitarbeitslosigkeit kaum, insbesondere im urbanen Bereich, wo die höchsten Arzt- und Ambulanzfrequenzen registriert werden. Städter gehen öfter zum Arzt als Landbewohner.

Der eigentliche Skandal aber ist: Schon wieder wird indirekt Ärzte-Bashing betrieben. Die ärztliche Hilfe sei der größte Kostenfaktor.

Soll man die ärztliche Versorgung hinterfragen und gleichzeitig die Privatisierung der ärztlichen Leistungen forcieren, um billiger davon zu kommen? Will man jene Populisten stärken, die fordern, dass Wahlärztepatienten keine Rückerstattung durch Sozialversicherungen erhalten?

Wir Ärzte werden in aller Öffentlichkeit klarstellen, dass hier Aggravation auf doppeltem Boden betrieben wird und, dass die Gefahr steigt, dass das Gesundheitssystem noch stärker erodiert.

Machen wir uns nichts vor: Dass die Kosten für Gesundheitsversorgung sinken, ist eine Illusion. Entweder ist uns ein soziales, halbwegs gerechtes Versorgungssystem etwas Wert, oder nicht. Diese Frage können die Krankenkassen nicht beantworten. Das muss schon die Politik tun.

 

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien

Präsident der Österreichischen Ärztekammer

 

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

Mein Kommentar

Benachrichtige mich, wenn jemand einen Kommentar zu dieser Nachricht schreibt.

Zurück