Dr. Thomas Szekeres

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Schluss mit Lippenbekenntnissen

Retten wir den Hausarzt

Seit Jahren verspricht die Politik – gleichgültig welcher Coleur – gebetsmühlenartig: Der Hausarzt muss gestärkt werden. In modernistischem Duktus spricht man vom Gatekeeper im Gesundheitssystem. Geändert hat sich nichts. Im Gegenteil: Die Misere ist größer denn je und wird sich weiter verschärfen, wenn nichts geschieht.

Am Land finden sich keine Bewerber für Arztpraxen, die noch residierenden Allgemeinmediziner sind zum Großteil knapp vor der Pensionierung oder bleiben sogar für einige Jahre darüber hinaus. Im Interesse der Patienten.

In den urbanen Zentren werden wiederum Kassenstellen gekürzt, wie in Wien. Ein Allgemeinmediziner kann überleben – mehr schlecht als recht – wenn er zumindest 800 bis 1.000 „Krankenscheinpatienten“ hat. Damit fehlt ihm das, was ihn auszeichnet: Zeit für das Gespräch, für die Zuwendung zum Patienten.

In den kommenden fünf Jahren wird mehr als die Hälfte der praktizierenden Hausärzte in den Ruhestand gehen – Nachwuchs ist nicht in Sicht.

Die Zahl derjenigen Mediziner, die die Ausbildung zum Allgemeinmediziner absolvieren wollen, ist deutlich unter den Erwartungen. Fazit: Nachwuchs ist kaum in Sicht.

Die Dilemmata sind seit Jahren bekannt: zu niedrigen, nahezu beschämend geringen Honoraren, lächerliche Zahlungen für Hausbesuche, dafür überbordende Administrationen und zunehmend auch noch Schikanen, beispielsweisehaft seien die Spitzelaktionen der Gebietskrankenkasse erwähnt.

Die Krankenkassen argumentieren mit widersprüchlichen Aussagen. Sie kalmieren: der Allgemeinmediziner verdiene im Durchschnitt etwa 280.000 Euro im Jahr, sagen sie.

Und vergessen dabei dreierlei: das sind Bruttobeträge. Die Hälfte frisst die Steuer. Abzuziehen sind Kosten für Ordination-Miete, Administrationsassistenz, Betriebsausgaben. Zu bedenken gilt es, dass ein Allgemeinmediziner im Schnitt 60 bis 70 Stunden pro Woche arbeitet. Netto bleiben da in der Regel 2.000 bis 4.000 Euro pro Monat. Den Stundenlohn will ich erst gar nicht ausrechnen. Soweit zu den Fakten. Und als Aufforderung an die Gebietskrankenkasse Wien, nicht mit geschönten Zahlen zu operieren.

Gleichzeitig weigern die Kassen sich, Gruppenpraxen zu genehmigen und verweisen gebetsmühlenartig auf das Vehikel PHC, als ob dies die Rettung des Gesundheitssystems sei. Mitnichten. Viele sehen darin immer noch den Versuch, die Ärzteschaft auszuhebeln und ihnen die Vertragshoheit zu entziehen.

Was also tun?

Erste unmittelbare Notwendigkeit ist eine deutliche Erhöhung der Honorarsätze, Abgeltung des ärztlichen Erst- und Beratungsgesprächs, technischer Support für IT-Lösungen und -Unterstützungen und endlich eine Planung von Kassenstellen, die sich nach der Bevölkerungsentwicklung und Stadtplanung orientieren.

In Wien kommen jährlich 35.000 bis 40.000 neue Bewohner hinzu, das sind 35.000 bis 40.000 Patienten. Noch dazu steigt die Sprachvielfalt, aber die Sprachkompetenz sinkt. Das erschwert die Situation zusätzlich.

Zweiter Schritt ist ein neues Gruppenpraxengesetz, das die Ärzte in ihrer Autonomie absichert und gleichzeitig Haftungsfragen klärt und verhindert, dass sich ausschließlich gewinnorientierte internationale Gesundheitsinvestoren einkaufen.

Warum sollten Ärzte keine Ärzte anstellen dürfen? Wo liegt das Hindernis?

Dritter Schritt ist eine Bedarfsplanung, gekoppelt mit einer Attraktivierung der Ausbildung. Es müssen wieder mehr junge Mediziner für den Allgemeinarzt interessiert und gewonnen werden. Wahrscheinlich mit einer weiteren Reform der Ausbildung. Hier ist auch die Ärztekammer gefordert.

Vierter Schritt sind neue Kooperationsmöglichkeiten für Hausärzte – gerade im ländlichen Raum. Nicht gerüttelt werden kann -  aus Versorgungs- und Überlebensgründen – an den Hausapotheken. Sie sind Bestandteil einer flächendeckenden Versorgung.

Die – vor allem die Ballungszentren – längst notwendige bessere Verzahnung von  Spitälern, niedergelassenen Fachärzten und Allgemeinmedizinern muss endlich geregelt werde. Das Dilemma der überfüllten Ambulanzen ist ebenso chronisch, wie die Unterversorgung mit Kassenärzten.

Sozialpolitisch ist ein Bekenntnis der Politik gefragt: Will man die Zwei- und Dreiklassenmedizin verhindern oder sie klammheimlich fördern? Will man eine autonome, autochthone Ärzteschaft oder die Verstaatlichung des Erstversorgungssystems?

Will man den niederschwelligen Zugang zur Spitzenmedizin oder will man gesundheitspolitischen Liberalismus?



ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

stephan lingnau
13.08 - 
15:10
herr

die erste evaluierung des PHC mariahilf ist sehr positiv. das wurde von ihnen hier leider nicht erwähnt. hier der bericht des gesundheitsministeriums. https://www.wien.gv.at/gesundheit/einrichtungen/gesundheitsfonds/pdf/evaluierung-phc-mariahilf.pdf

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