Dr. Thomas Szekeres

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Aspirin, Bayer und Monsanto

Es gibt kein Aspirin mehr. Produzent Bayer hat Lieferschwierigkeiten. Des Österreichers und Deutschen Lieblingstablette kann man bald nicht mehr kaufen. Nicht nur das: Augenfällig ist, dass bestimmte Medikamente und Impfstoffe nicht erhältlich sind. Die Pharmaindustrie scheint sich zu wehren. Im Fall Bayer kann man interessante Assoziationen und Konnotationen anstellen.

 

Bayer hat erst vor kurzem einen der größten Übernahmedeals getätigt: Monsanto, weltweit dominierender Saatgutkonzern und Produzent des Schädlingsvernichtungsstoffs Glyphosat, das auf die Verbotsliste kommen soll, wen es nach führenden EU-Politikern gehen sollte. Noch sperrt sich die Agrarlobby.

Und die Pharmaindustrie – vor allem Bayer – scheint Gegenstrategien zu entwickeln. Wenn das eine verboten wird, schafft man beim anderen eben Marktverknappung. Das ist nichts Neues.

Allerdings scheinen sich derartige Vorfälle zu verdichten. So fehlt in Deutschland – und bald auch in Österreich – das Narkosemittel Remifentanil, das sich laut Meinung der meisten Anästhesisten kaum 100-prozentig ersetzen lässt.

In Österreich gibt es seit kurzem Engpässe bei Vakzinen: gegen Hepatitis A beispielsweise. Auch das Vierfach-Vakzin gegen Kinderlähmung, Diphtherie, Tetanus und Keuchkusten ist nur schwer erhältlich.

Während laut Auskunft des Gesundheitsministeriums die Versorgung der Kinder gewährleistet ist, müssen Erwachsene warten oder aufwendige Mehrfachimpfungen durchführen lassen.

In diesem Zusammenhang muss man auf zwei Phänomene aufmerksam machen: Ausschließlich das Gesundheitsministerium ist für die lückenlose Versorgung von Kindern mit Impfstoffen zuständig. Für Erwachsene gilt: Das freie Spiel der Marktkräfte. Wenn nichts mehr da ist, heißt es warten oder auf zumeist teurere Ersatzpräparate umsteigen.

In Österreich wurde die Debatte über Pflichtimpfung für Kinder wieder entfacht. In Italien wurde sie kürzlich eingeführt. In Österreich wehren sich viele dagegen. Auch die Ärzteschaft ist nicht stringent für Impfpflicht, aber für verstärkte Aufklärung. Und eine durchgehende dringliche Impfempfehlung.

Dass all diese Phänomene zusammenhängen, liegt auf der Hand. Es wird immer schwieriger und dauert immer länger, dass Medikamente zugelassen werden. Die Forschungsaufwendungen werden immer größer, sodass große Konzerne trotz harten Wettbewerbs bereits gemeinsame Forschungstöchter betreiben.

Ein Medikament wie Aspirin würde heutzutage wohl nicht mehr zugelassen werden. Das gilt für viele andere tradierte Arzneimittel auch.

Die Pharmaindustrie ist Marktwirtschaft pur. Die Sozialversicherungssysteme und Gesundheitsministerien in den einzelnen Ländern versuchen, sie zu gängeln: Deckelung der Einkaufspreise. Und wohl auch taktische Verzögerungen bei Medikamentenprüfverfahren.

Bayer ist übrigens doppelt betroffen: die Übernahme von Monsanto war teurer, in Europa muss man sich aus der Gentechnikforschung zurückziehen und Monsanto hat keinen besonders guten Ruf. Jetzt gibt es auch noch Probleme mit Glyphosat.

Also sucht man Ersatzkriegsplätze.

Wohl der treffendste Beweis, dass Gesundheitsversorgung ein Marktplatz ist und ein massiver Driver in Richtung Mehrklassenmedizin.

Es ist ein Fakt. Unsere Aufgabe ist, darauf hinzuweisen. Das gehört zu den Pflichten ärztlicher Aufklärung.

Denn am Ende stehen verzweifelte Patienten, die nicht einsehen, warum es bestimmte Medikamente nicht mehr geben soll.

Schließlich zahlt man Selbstbehalte, zahlt in die Versicherung ein und gibt genügend Geld aus.

Über die Impfpflicht wird man in ein paar Jahren wieder streiten. Und Engpässe wird es immer wieder geben. Zynisch gesagt: Österreich ist ein kleiner Markt.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

Kkastner
25.07 - 
18:45
Dr.med.

Toller Artikel!

Dr Michael Dolezal
26.07 - 
04:08
Aspirin Lieferschwierigkeiten

Lieber Thomas, vielleicht hab ich was übersehen, aber soweit ich weiß, gehts nicht um die ASS Tabletten, sondern um Aspirin i.v. Wobei das sogar noch schlimmer ist, weil es zur Notfalltherapie von Infarkten gehört, aber das weiß Du eh. Ansonsten teile ich Deine Verdachtsmomente durchaus.

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