Dr. Thomas Szekeres

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Wer spricht noch von Gesundheit?

Am 13.7.2017 hat der Nationalrat die Auflösung des Parlaments und Neuwahlen am 15.10.2017 beschlossen. Seit Wochen schon herrscht Wahlkampf: Die einen wollen entlasten, die anderen einsparen, die Dritten sagen noch nicht, was sie wollen. Und keiner redet über Gesundheit, aber über Einsparungen im Gesundheitswesen, Effizienzsteigerung, manche orten ein Pflegefiasko. Gesundheitspolitische Grundstatements oder gar konkrete Reformansätze finden sich – derzeit – nirgends. Das ist schade – und bezeichnend zugleich.

 

Offensichtlich ist den Wahlkämpfenden klar, dass Gesundheitsausgaben in den kommenden Jahren deutlich steigen müssen: Demographische Entwicklung, technischer Fortschritt, neue Medikamente und gleichzeitig neue chronische Krankheitsbilder, international vergleichbar schlechte Allgemeingesundheitsverfassung bei Jugendlichen.

Zwar sprechen sich die meisten – oder sind es nur Lippenbekenntnisse – gegen eine Zwei- oder Dreiklassenmedizin aus, betonen das Anrecht auf erstklassige medizinische Versorgung und dennoch hat man das Gefühl, dass die Privatisierung längst eingesetzt hat.

Seitens der EU findet ein leiser aber nachhaltiger Kampf gegen freie Berufe statt. Sukzessive wird deren Autonomie ausgehöhlt, der nationale Widerstand gegen Konzerne, die wesentliche Teile des Gesundheitsmarktes bereits beherrschen, sinkt. Die Zahl der Privatkliniken steigt – vielfach im Eigentum von Versicherungskonzernen oder von großen Medizintechnik-Multis wie Fresenius – gleichzeitig werden immer mehr öffentliche Krankenhäuser geschlossen. In Deutschland werden sogar Schließungsprämien bezahlt. Zum Teil zurecht, denn viele regionale Krankenhäuser können die Qualitätsstandards nicht mehr halten – und haben zudem zu wenige Patienten.

Die Parteien sind aufgerufen, ihre gesundheitspolitischen Konzepte auf den Tisch zu legen. Nachhaltige Gesundheitspolitik erfordert Mut und Ehrlichkeit. Es geht darum, jetzt und heute kräftig zu investieren um in Zukunft die Folgekosten zu senken: Prävention, Gesundheitserziehung bereits in der Schule, Schluss mit falsch verstandenem Föderalismus, einheitliches Krankenanstaltenrecht und standardisierter Leistungskatalog, präzise Anforderungsprofile für die Krankenhäuser und ein realistisches Modell für die Erstversorgung und Aufnahme.

Die PHC, die im Übrigen nicht recht vom Fleck kommen, sind weder Allheilmittel noch durchdachte Alternative. Warum dürfen Ärzte keine Ärzte anstellen? Was spricht dagegen? Warum respektiert man die Autonomie und Selbstregulierungskraft der Ärztekammer nicht? Will man sie klammheimlich abschaffen, ebenso wie die Kassensysteme?
Jede Regierung, die ernsthaft Gesundheitspolitik betreiben will, muss einmal Geld in die Hand nehmen und klare Strukturen schaffen.

•    Finanzierung aller ambulanten Leistungen ausschließlich – und transparent – durch die Sozialversicherungen.
•    Finanzierung des stationären Betriebs durch die öffentliche Hand oder die jeweiligen privaten oder konfessionellen Betriebe.

Installieren einer verpflichtenden Pflegeversicherung für alle und verpflichtende Gesundenuntersuchungen für alle. Das sind weitere Ecksteine für ein Gesundensystem, das nicht auf Reparatur und Intervention ausgerichtet ist, sondern darauf, dass viele Menschen möglichst lange gesund bleiben.

Die Gesundheitspyramide muss umgedreht werden: Möglichst viele Allgemeinmediziner in Wohnortnähe, als Gesundheitsbegleiter des Menschen, Gruppenpraxen und möglicherweise auch Allgemeinmedizinische Ambulanzen, welche die Krankenhäuser entlasten, Konzentration auf leistungsfähige Schwerpunktspitäler, die auch genügend Fallzahlen aufweisen. Rascher Umbau von vorhandenen Akutbetten zu Rehabilitations- und Pflegebetten. Was nicht in Rehabilitation und operative Betreuung investiert wird, rächt sich später mehrfach.  Vielfach teure Akutbehandlungen und Belegszeiten, immer mehr Wiedereinweisungen und immer teurere Pflegekosten.

Das sind die kardinalen Fragen, die beantwortet werden. Wie auch immer.

Wer für die Zerschlagung des Sozialsystems ist, soll es offen und ehrlich sagen, statt zu camouflieren. Wer hingegen für die Stärkung des öffentlichen Gesundheitssystems ist, soll auf den Tisch legen, dass es teurer wird. Zumindest kurzfristig.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien
Präsident der Österreichischen Ärztekammer

Die weibliche Form ist der männlichen Form in diesem Blog gleichgestellt; lediglich aus Gründen der Leseverständlichkeit wurde die männliche Form gewählt.

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