Dr. Thomas Szekeres

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Es lebe die freie Arztwahl

Ohne WahlärztInnen würde die Gesundheitsversorgung in Österreich zusammenbrechen. Laut Hauptverband haben 2016, 43% der Versicherten einen Wahlarzt aufgesucht: mit steigender Tendenz, vor allem bei FachärztInnen. Die Gründe sind bekannt: Zu wenige KassenärztInnen, zu lange Wartezeiten, mangelnde Zeit für ausführliche PatientInnengespräche.

 

Dennoch würde sich die Mehrzahl der ÖsterreicherInnen ein funktionierendes Kassenarztsytem wünschen. WahlärztInnen sind Zusatzangebot. Das wird sich in Zukunft kaum so spielen. Und gerade hier liegt die Crux und das Elend unseres Systems, das – offensichtlich politisch gewollt oder zumindest nicht bekämpft – schnurgerade in Richtung Mehrklassensystem steuert.

Es gibt deutlich zu wenige KassenärztInnen. Zu wenige AllgemeinmedizinerInnen, vor allem in ländlichen Gegenden. Die Honorare sind lächerlich gering, die Arbeitszeit ausufernd, der Stress hoch. Von Familienfreundlichkeit und Bildungsinfrastruktur nicht zu reden. Ein Allgemeinmediziner benötigt zumindest 700 bis 1.000 PatientInnen, um zu überleben. Und das nicht einmal auf hohem Niveau.

Es gibt insgesamt zu wenige junge ÄrztInnen, viele wandern ab, weil es in Deutschland oder UK attraktiver und chancenreicher ist. Das Interesse für die allgemeinmedizinische Ausbildung ist deutlich gesunken. Das kommt hinzu.

Das erklärt den Trend zu den WahlärztInnen, die naturgemäß teurer sind: Immerhin, die Sozialversicherungen retournieren einen Teil der Kosten. Noch. Denn es gibt politische Stimmen, die auch das abschaffen wollen. Das ist Diskriminierung und muss verhindert werden. Zum Wohl der PatientInnen.

Nunmehr gibt es Pläne, für WahlärztInnen eine Art Honorarobergrenze einzuführen, einen Leistungskatalog zu erstellen. Das ist per se widersinnig. Und wahrscheinlich nicht einmal gesetzeskonform. Und es würde zu einer weiteren Verteuerung des Systems führen.

Stattdessen müssten Kassenverträge – das gilt auch für Gruppenpraxen – auf eine neue Basis gestellt werden. Die Vorarlberger Gebietskrankenkasse hat einen positiven Schritt gesetzt: Dort erhalten VertragsärztInnen Honorare für Beratungsgespräche, ähnlich wie Rechtsanwälte. Und eine zusätzliche Abgeltung für das Case-Management. Das ist zwar nicht viel und auch nicht kostendeckend, aber zumindest ein guter Ansatz.

Und ein konstruktiver Versuch, den ÄrztInnenmangel zu lindern.

Das wird eine der großen Herausforderungen der kommenden Jahre sein: Ohne deutliche Reform der Kassenhonorierung und Anpassung von Kassenstellen an die demographische Entwicklung – angesichts des rasanten Wachstums der Städte – wird es nicht gehen.

Sonst bleibt auch die Verzahnung zwischen muraler und extramuraler Versorgung eine Illusion. Und es wird weiterhin überfüllte Ambulanzen, lange Wartezeiten, zu wenig Zeit bei AllgemeinärztInnen und wachsenden Zwang zu privater Gesundheitsversorgung geben: mit teuren Privatversicherungen, die sich viele nicht mehr leisten können.


Eine Teufelsspirale.

Die Politik schaut zu.


ao.Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien

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