Dr. Thomas Szekeres

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2019 oder noch später

Die unendliche Geschichte des Krankenhauses Nord und das selbstverschuldete Elend der Wiener Gesundheitspolitik

Die aktuelle Gesundheitsstadträtin hat es nicht einfach: Sie hat ein Erbe übernommen, dessen Belastungen noch gar nicht ermessbar sind. Sie muss ein System reparieren, dessen Instabilitäten niemand so exakt kennt: Die Beamten nicht, das KAV-Management nicht, die teuer bezahlten Berater wohl auch nicht. Es ist mutig genug, dass sie sich dieser Aufgabe stellt. Und zunächst nichts anderes tut, als die traurige Stimmung etwas aufzuhellen. Immerhin.

Nunmehr musste sie verkünden, dass das Krankenhaus Nord, das spätestens seit 2015 schon in Betrieb sein sollte, frühestens 2019 aufsperren kann. Und dass durch die Verzögerungen bereits zum Abbruch bzw. zur Schließung preisgegebene Spitäler notdürftig nun doch weiter werkeln müssten.

Die exakten Zahlen der Misswirtschaft aus dem kommenden Rechnungshofbericht kennt sie noch nicht, sagt sie. Das verheißt nichts Gutes. Eine Verdoppelung der ursprünglich geplanten Kosten scheint durchaus vorstellbar – trotz sukzessiver Reduktion der Kapazitäten und Ausstattung.

Das Krankenhaus Nord ist lediglich Metapher und Spitze des Eisbergs – einer überzogenen, unrealistischen und autoritären Gesundheitspolitik über Jahre hinweg. Vieles hätte man vor 10 Jahren schon erkennen müssen: drohender Personalmangel, intransparente Strukturen, Vernachlässigung des niedergelassenen Bereichs, Umbau der Akutbetten zu Pflegebetten, kooperative Steuerung des AKH, ein „Zwitter“ von Land und Bund.

Man hätte erkennen müssen, dass die Bevölkerung altert, die Betreuungsintensitäten steigen werden. Man hätte vor 5 Jahren sehen müssen, dass die Bevölkerung wieder stark wächst, dass der Anteil an Migranten ohne Sprachbeherrschung steigt, dass die soziale Schere auseinandergeht.

Man hätte erkennen müssen, dass die Krankenhausstruktur und -substanz veraltet war. Und man hätte erkennen müssen, dass das Krankenhaus Nord von Anfang an ein Desaster werden würde: kein Generalunternehmer, keine Koordination, keine Betriebspläne und Kalkulationen der Betriebsführung. Man hätte rechtzeitig stoppen und neu beginnen können. Wahrscheinlich würde man dann heute schon Patienten behandeln.

Jetzt ist das Dilemma dreifach: zu wenig Personal, überlastete Krankenhäuser, steigende Patientenzahlen, Marginalisierung des Hausarztes, und eine nie dagewesene Unzufriedenheit unter den Mitarbeitern, die sogar zum Streik bereit waren und immer noch sind.

Man hätte vor 10 Jahren schon wissen können, dass die Arbeitsstundenproblematik kommt, schließlich gibt es die EU-Richtlinie schon seit mehr als einem Jahrzehnt. Man hätte rechtzeitig verhandeln können.Jetzt beziehen die Mitarbeiter zwar höhere Grundgehälter, aber erdulden eine noch unbefriedigendere Arbeits- und Ausbildungssituation.

Jetzt müssen Krankenhäuser, in die seit Jahren nichts mehr investiert wurde, behelfsmäßig weitergeführt werden, weil das gesamte Krankenhauskonzept 2020 aus den Fugen geraten ist.

Man hat vor der Wahrheit seit 10 Jahren die Augen geschlossen. Und so getan, als sei alles perfekt: Vorbildstadt Wien, Sozialstadt Wien.

Heute: Zweiklassen-Medizin-Stadt Wien, Notstand in den Spitälern, eklatanter Mangel an ÄrztInnen und Pflegekräften, unverantwortlich lange Wartezeiten auf wichtige OP- und Therapietermine, überlastete, überfüllte und ausgepowerte Ambulanzen. Und eine Entkoppelung vom niedergelassenen Bereich.

Es ist noch nicht zu spät. Die Gesundheitsstadträtin ahnt das wahrscheinlich. Sie zeigt Offenheit und Bereitschaft zur Kooperation.

Wir ÄrztInnen und die Ärztekammer werden das annehmen – allerdings mit klaren Vorstellungen. Und Grundsätzen.

Wir wollen faktische Einbindung, Verhandlungen auf Augenhöhe. Mit Anstand und Ehrlichkeit. Und Entscheidungsbefugnisse.

Die KollegInnen sind allesamt gern ÄrztInnen.

Aber sie möchten auch wertgeschätzt werden: ideell, finanziell und infrastrukturell.

Wir fordern auf und ein: Fundierte Gespräche und gemeinsames Handeln.

Gern steuert die Ärzteschaft die Gesundheitsversorgung mit.

Ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien

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