Dr. Thomas Szekeres

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Durchschleuse statt Gatekeeper?

Stärkt die AllgemeinmedizinerInnen!

In der Schweiz hat sich, schreibt die NZZ in den vergangenen Jahren die Zuweisungsrate von AllgemeinmedizinerInnen an FachärztInnen oder Krankenhäusern, verdreifacht. Laut Zürcher Studie des Instituts für Hausarztmedizin gibt es dafür vier Hauptgründe: Dr. Google, die Rechtsunsicherheit und Haftungsfrage, sowie ein paternalistisches Gesundheitssystem. Der Allgemeinmediziner wird immer mehr zur Durchschleuse. Gegen den eigenen Willen und die eigene Mission.

 

Immer mehr PatientInnen kommen mit ausgedruckten “Diagnosen“ von Google-Suchverläufen, Wikipedia-Einträgen oder sonstigen Medizinplattformen zum Arzt und beharren darauf, diese oder jene Symptomatik zu untersuchen. Viele Hausärzte wehren sich dagegen, viele aber resignieren und schreiben eine Überweisung. Viele wissen gleichzeitig, dass dies unnötig sei. Sie können nicht anders. Die Konsumentenrechte sind ungemein differenziert, die Bereitschaft zu klagen steigend.

Viele Hausärzte haben schlichtweg nicht die Zeit lange mit ihren PatientInnen über Google statt deren Befindlichkeiten zu sprechen, sie vom Halbwissen wegzuführen und sich ein Gesamtbild des zu behandelnden Menschen zu erstellen. Zu allererst müssen sie nämlich dokumentieren. Untersuchungen zeigen: Wer beim Patientengespräch gleichzeitig Daten in den PC eingibt, dessen Aufmerksamkeit sinkt deutlich. Multitasking geht nicht. Vor allem in Sachen Gesundheit.

Das österreichische Sozialversicherungssystem hinkt den Realitäten nach. AllgemeinmedizinerInnen werden nach der Zahl der Scheine bezahlt. Weniger Scheine bedeutet weniger Einkommen. Wer sich Zeit nimmt, gerät in Existenznöte. Von 200 Patienten im Quartal kann kein praktischer Arzt leben. Außer er ist hochbezahlter Wahlarzt mit entsprechend vermögendem Klientel.

Dr. Google, das Halbwissen und der Fitnessstress treiben immer mehr Menschen dazu, sich technisch durchchecken, statt behandeln zu lassen. Technikgläubigkeit und Erfolgsdruck, möglichst rasch wieder fit zu werden, führen dazu, dass Walk-in Ordinationen oder Notfallambulanzen, wie sie absurderweise Privatversicherungen, noch dazu in eigenen Anstalten forcieren, boomen.

Die Studie zitiert Äußerungen von Ärzten und Fällen: Menschen mit leichter Migräne beharren auf eine Computertomographie, weil sie glauben, sie hätten einen Hirntumor, eine Frau mit schweren Beinen lehnt Magnesiumpulver ab, und besteht auf eine spezielle Venenuntersuchung, und ein Mann mit Durchfall kommt mit der Google-Diagnose Darmkrebs und will eine Darmspiegelung.

Diese Beispiele sollen nicht PatientInnen diskreditieren, sondern die Widersprüchlichkeit im System.

Erschwerend dazu kommen Sprach- und Verständigungsprobleme zwischen Arzt und Patienten. Immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund .
Dringend notwendig, noch vor der Umsetzung von PHC und anderen Gruppenpraxen-Modellen, erscheint daher die Aufwertung des Allgemeinmediziners: auf mehreren Ebenen.

Mehr Honorar und Vergütung von Patientengesprächen.

Umfassende Haftungsversicherungen und stärkere Rechtssicherheit.
Möglichkeit des Praxis-Sharings bis hin zur Anstellung von Arzt durch Arzt. Infrastruktursupport durch die öffentliche Hand.

Und vor allem: Viel mehr Ordinationen und Kassenpraxen, die sich nach den demographischen und soziographischen Daten orientieren. Im Fokus muss die wohnortnahe Vollabdeckung sein.

Neue Modelle und Ideen gegen das Aussterben des Landarztes. Das droht demnächst.

Alle müssen umdenken!

Die Ärzte, die ihre Rolle als Ganzheitsmediziner wieder neu leben und lernen müssen.

Die Medien, die aufklären sollten, statt dramatisieren.

Ein neues Gesundheitssystem. Wir müssen alle von Grund auf neu denken, und zwar rasch.

Ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien

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