Dr. Thomas Szekeres

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TEWEB – für den mündigen Patienten

„Man kann nicht nicht kommunizieren“, hat Paul Watzlawick geschrieben. Er – gelernter Mediziner und Psychotherapeut – hat damit auch das Verhältnis Arzt/Patient beschrieben. Das Reden über das Leiden und das Kranksein als Ausgangspunkt jeglicher Therapie. In diesem Sinne ist TEWEB zu begrüßen – und funktioniert auch in Ländern wie Dänemark in der Schweiz und Benelux. Dazu gibt es noch den Ärztefunkdienst – beide werden in Zukunft kooperieren. Gut so.

 

Stellt sich die Frage, wie mündig PatientInnen sind, wie leicht sie Hemmschwellen zum Anruf überwinden, wie gut sie am Telefon zuhören kann. Ob sich beide Seiten verständlich ausdrücken. Damit sind wir bei der Bildungsfrage. Und wieder bei Paul Watzlawick.

Und noch weiter: Das Reden über Gesundheit muss so früh wie möglich beginnen. In der Schule. 80% der PflichtschülerInnen wissen zu wenig über Ernährung und über den eigenen Körper. Jahrzehnte nach dem legendären Sexkoffer ist das Wissen über Sexualität bei Jugendlichen geringer als in den 80er Jahren.

Erlerntes und gefestigtes Wissen über sich wurde in Zeiten des Web durch Blitzsuche abgelöst. Dr. Google wird einer Untersuchung zufolge schon von 60% der deutschsprachigen Bevölkerung zuerst konsultiert. Mit allen Missverständnissen und Fehlaussagen, die damit verbunden sind.

Darauf werden sich die „Backoffice“-Mitarbeiter bei TEWEB einstellen müssen. Wir haben es mit einer neuen, in sich differenzierten, Schicht von PatientInnen und Ratsuchenden zu tun. Viele, die sich nicht artikulieren können, und nahezu ebenso viele, die mit Halbwissen und nahezu schon fertigen Selbstdiagnosen anrufen.


Viele AllgemeinmedizinerInnen können davon Geschichten noch und noch erzählen.

Deshalb ist TEWEB auch so wichtig. Ebenso wie die Vernetzung mit bereits vorhandenen Angeboten wie dem Ärztefunkdienst und anderen Services.

In ein oder zwei Jahren werden wir die Erfahrungen evaluieren können.


Eines aber sollten wir jetzt – wo gerade mühsam um die Schulreform, die X-te, gerungen wird – schon in Angriff nehmen: den verpflichtenden Gesundheits- und Ernährungsunterricht an den Pflichtschulen. Es hat Jahre gedauert, bis die tägliche Turnstunde zumindest rumpfhaft umgesetzt wurde (bei weitem nicht flächendeckend). Es sollte nicht wieder Jahre dauern, bis wir dieses Fach etablieren.

Es ist Vorsorge und „Vorwissen“ im besten Sinne des Wortes. Und es hilft, sich selbst besser kennenzulernen.

Dass heute ein Großteil der urbanen SchülerInnen nicht mehr in der Lage ist, selbst einen Salat zuzubereiten, eine Suppe zu kochen oder ein Butterbrot zu streichen, weil es zu Hause nur Fastfood und Convenience-Essen für die Mikrowelle vorherrscht, ist ein Defizit, dessen Auswirkungen wir gesellschaftlich schon spüren: stark übergewichtige bis adipöse SchülerInnen einerseits anderseits deutliche Zunahme bei Magersucht und Bulimie, Schönheitsoperationen bereits in der Pubertät.

Deshalb: Nutzen wir die Chance TEWEB und gehen wir einen Schritt weiter. Ein funktionierendes, integriertes Gesundheitssystem beginnt mit dem mündigen Patienten. Investieren wir in ihn, statt in fragwürdige Infrastrukturprojekte, oder in die Dauersanierung des maroden Finanzmarktes.

Aufklärung beginnt mit dem Mut zum Wissen: Aude sapere.

ao. Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres
Präsident der Ärztekammer für Wien

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