Dr. Thomas Szekeres

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ELGA sunt servanda?

Der Ministerrat hat ELGA durchgewinkt, das parlamentarische Abnicken ist bloß Formalität. Ende 2013 soll ELGA starten, zunächst im Modellversuch. Wahrscheinlich wird es 2014 werden. Im Herbst 2013 gibt es, wenn sich nichts Besonderes im Vorfeld ereignet, Nationalratswahlen, im Frühjahr 2013 bereits wählt Niederösterreich den Landtag, auch Kärnten und Tirol wählen im März 2013.

Wahlkämpfe sind in Österreich „Zeiten des fokussierten Unsinns“, hat ein Wiener Bürgermeister einmal gesagt. In den Zeiten vor Wahlen werden viele Themen neu aufgeworfen, Beschlüsse revidiert, vor allem Themen, die heikle Themen betreffen. Gesundheit ist heikel.

In die österreichische Polit-Praxis umgesetzt: ELGA ist zwar beschlossen, die exakten Durchführungsvereinbarungen werden aber noch ausverhandelt, in der Praxis justiert oder neu festgelegt. Das kann einige Zeit dauern. Weit in das Jahr 2015 hinein.

Zudem: Technologisch und IT-vernetzungsbezogen wage ich bis dahin keine Prognosen. Seit dem I-Phone und der drauf hinfolgenden Appel-Mania ist alles anders.

Seitdem wissen wir als Endkonsumenten, wie eine einzige Weiterentwicklung in der IT-Usability eine Consumergesellschaft nachhaltig verändern kann. Und damit Märkte und Bedürfnisse neu definiert. Durchaus vorstellbar ist, dass in 2 Jahren alle Daten in einer Cloud sind, Datenschutz ein ganz anderes Problemfeld ist, die technischen Voraussetzungen sich radikal geändert haben und auch seitens der Konsumenten/Patienten ganz andere Einstellungen dominieren. Vielleicht gibt es ELGA-Apps, die die Patienten selbst konfigurieren.

Und schon gar nicht ist klar, ob nicht neue verfassungsrechtliche Bestimmungen kommen. Der Fall von ACTA ist uns allen noch in Erinnerung. Patientia ist angesagt.

Dennoch: Dass bildgebende Verfahren heute die Medizin weitgehend vorantreiben, ohne Elektronik und Datentransfer weder geforscht, therapiert noch diagnostiziert werden kann, ist evident. Dass Telemedizin weltweit Normalität geworden ist, ebenfalls. Es gibt keinen guten und vernünftigen Arzt, der sich gegen elektronische- und informationsdigitale Errungenschaften und Tools sperren würde. Ohne Blackberry oder Smartphone können auch Ärzte kaum mehr „operieren“, Termine wahrnehmen, Aktivitäten koordinieren.

Wir sollten – und als Ärztekammer werden wir das tun – die technischen und digitalen Entwicklungen exakt und kritisch beobachten, ebenso wie die Einstellungsveränderungen seitens der Bevölkerung dazu.

ELGA ist – gewissermaßen als pars pro toto symbolisch – als Prozess zu sehen, an dem viele Kräfte beteiligt sind. Als „work in progress“, dessen Ende nicht abzusehen ist.

Aber wir müssen wach sein. Und dürfen die wirklich drängenden Probleme im Gesundheitsbereich deswegen nicht verdrängen: Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems, barrierefreier Zugang zur Spitzenmedizin für möglichst Alle, Sicherung der ärztlichen Versorgung, angesichts drohendem Ärztemangels und eines Engpasses an den medizinischen Universitäten, Herausforderungen in der Pflege und in der Behandlung typischer Alternskrankheiten, Umgang mit der Alternsgesellschaft, Reform der Krankenhäuser und Verzahnungen des intra- und extramuralen Systems.

Und nicht zuletzt: Verhinderung von Leistungsabbau im öffentlichen Gesundheitssystem.

Als nächste Regierungsentscheidung „droht“ eine Gesundheitsreform, deren Entwürfe und Eckpunkte, bislang zumindest nichts als Luftblasen, Floskeln und Klausulierungen sind. Der Geist dahinter ist freilich klar: Es muss gespart werden, Sozialversicherungen und Ärzte werden nochmals geschröpft, die Verantwortung für die Umsetzung wird hauptsächlich an die Länder delegiert. 

Als Ärzte müssen wir auf der Hut sein. Und uns vehement einbringen. Ohne uns keine Reform. Mit eigenen Vorstellungen zur Gesundheitsreform werden wir Politik vor uns hintreiben. Nicht umgekehrt.

Logisch und nicht verhandelbar ist: Ausgaben für das Gesundheitswesen werden und müssen steigen, mehr und besser ausgebildete Ärzte werden notwendig sein, eine radikale Umschichtung von Akutbetten in Pflegbetten. Spitalsambulanzen müssen entlastet werden, neue Finanzierungsstrukturen – zum Beispiel aus 2 Töpfen – müssen kommen. Und das alles in Zeiten einer Konjunkturschwäche und eines demographischen Wandels. Die Altersgesellschaft ist eine Tatsache. Und medizinischer Fortschritt wird dazu beitragen, dass die Lebenserwartung weiter steigt.

Es gibt viel Arbeit in den kommenden Monaten. 

Dr. Thomas Szekeres

Präsident der Ärztekammer für Wien

PS: Ich lade alle ein, meinen Blog zu kommentieren, kritisieren, Vorschläge einzubringen. Es soll ein möglichst offenes Forum entstehen.

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