Dr. Thomas Szekeres

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360.000 demenzkranke Menschen im Jahr 2030?

Und wie reagieren Gesellschaft und Gesundheitssystem?

Europa ist ein alternder Kontinent. Der aktuelle Gesundheitsatlas von Euro-Urhis, der europaweit knapp 44 Metropolen analysierte, wirft für die meisten Städte eine Lebenserwartung weit jenseits der 80 Jahre aus. Ausnahme sind einige osteuropäische Hauptstädte mit signifikant hohem Anteil an Alkoholikern und einem Gesundheitssystem, das seit 1990 konsequent ausgehöhlt wurde.

In Österreich werden im Jahr 2030 bereits knapp 11% der Bevölkerung über 80 Jahre sein, in Wien sogar 13-14%. Die Zahl der demenzkranken Menschen wird bis 2050 auf über 280.000 steigen. Und das ist konservativ geschätzt. Rechnet man die Kinder, Verwandten und sonstigen Angehörigen dieser Menschen hinzu, kommt man auf 1 Million Menschen, die direkt und indirekt von Demenz betroffen sind oder täglich mit dementen Menschen konfrontiert sind.

Weder unser Gesundheits- und Pflegesystem noch die Gesellschaft mit ihren infrastrukturellen Einrichtungen sind darauf aufbereitet. Es fehlen geeignete geriatrische Zentren (die vorbildhaften neuen geriatrischen Wohnhäuser, die Wien gerade errichtet, können im Vollausbau maixmal 4.500-5000 alte Menschen aufnehmen), es fehlen Wohnungen und Häuser, die altersgerecht ausgestattet sind, es fehlen Tagesbetreuungszentren (obwohl auch hier Wien wieder vorbildlich agiert) und vor allem Pflegekräfte. Die Betreuung dementer Menschen zählt zudem zu den herausfordernsten und stärkst belastenden Tätigkeiten, die man sich im Pflege- und Servicebereich vorstellen kann.

Der rasante Anstieg von dementen Menschen ist direkt auf die demographische Entwicklung hinzuführen. Je älter, umso dementer ist eine Binsenweisheit. Aber sie stimmt. (Ich rede hier bewusst nicht von Alzheimer als manifeste Erkrankung, die bereits ab dem 50. Lebensjahr auftreten kann.) Demenz ist im engen Konnex zur Bildung und Mobilität der älteren Betroffenen zu sehen: je aktiver, sowohl geistig als auch körperlich, Menschen sind, umso später und verzögerter greifen Anzeichen von Demenz aus.

Demenz ist nur ein Beispiel für die großen Herausforderungen der Alternsgesellschaft. Zahlreiche andere chronische, altersbedingte Krankheiten werden massiv zunehmen – von Diabetes über Augenerkrankungen bis hin zu generellen Mobilitätseinengungen.

Wir müssen – sozialmedizinisch gesehen – das Problem jetzt und ernsthaft angehen. Und als gesamtgesellschaftliches Anliegen sehen: Wie muss sich Architektur verändern, Mobilitätsangebote im urbanen Raum gestaltet sein, wie gelingt es weiterhin, Menschen so lange es möglich ist, in den eigenen 4 Wänden zu belassen, bei intensiver, mobiler und digitaler Betreuung. Und in würdigen Lebensumständen.

In Deutschland wurde 5 Jahre lang das Pilotprojekt „Smart Senior“ durchgeführt. 3.000 alte Menschen nahmen daran teil. Es ging um die Entwicklung von automatisierten Pflege- und Überwachungsdiensten. Sensoren, die Bewegungen in Wohnungen überwachen und Auffälligkeiten direkt an die nächste Klinik und an die Rettung weiterleiten, intelligente Küchen und Beleuchtungssysteme, die sich abschalten oder Alarm schlagen, wenn Gefahr besteht, digitale Armbänder, die Kerndaten der betroffenen Personen an die Krankenhäuser oder niedergelassenen Ärzte transportieren: Blutdruck, Herzrhythmus, Temperatur, Bewegungsabläufe, etc. Insgesamt 300 unterschiedliche Einrichtungen und Tools wurden und werden abgetestet, die großen Medizintechnik- und Telekommunikationsunternehmen sind beteiligt. Hierin liegt ein Teil der Zukunftsbewältigung.

In Japan sind Pflegeroboter schon Alltag geworden, wenn auch noch sehr teuer, da die Massenproduktion noch nicht eingesetzt hat. In Europa schätzt man für die kommenden 20 Jahre eine Verfünffachung des Bedarfs an permanentem einsatzfähigen Pflegepersonals.

Die Voraussetzungen fehlen in vielerlei Hinsicht: Ausbildung, Bezahlungs- und Finanzierungsmodelle, Rekrutierungsstrategien von Pflegekräften. Dabei ist Pflege durchaus – ökonomisch gesehen – ein interessanter Markt. Bis zu 7 Millionen Arbeitsplätze könnten in der EU, einer der reichsten Volkswirtschaften, geschaffen werden. Das haben Sozial- und Bildungs- sowie Wirtschaftspolitik bislang offensichtlich noch nicht richtig realisiert.

Die Medizin forscht, aber die finanziellen Mittel reichen nicht aus, die Pharmaindustrie lauert, ist aber risiko- und investitionsarm geworden, Städteplanung und Sozialpolitik bremsen. Mit dem sonderbaren Argument, man müsse in der Krise sparen und Banken retten.

Inzwischen werden Menschen älter und älter, herrscht beängstigende Jugendarbeitslosigkeit und klafft gleichzeitig ein Arbeitsmarkt für qualifiziert Beschäftigte auf. Es wird zu wenig in Ausbildung investiert, europaweit droht ein eklatanter Ärztemangel, der auch die aktuelle Gesundheitsversorgung bereits gefährdet.

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